November
2010

Der unterschätzte Projektmotor

Testen von SAP (Teil 1): Einführung und Integration

 Software-Testen rangiert in vielen SAP-Projekten immer noch unter „ferner liefen“. Dabei fließen mehr als ein Viertel der Projektkosten in die Qualitätssicherung. Entsprechend hoch ist das Einspar- und Beschleunigungspotenzial, wenn das Testen als eigenständiges Thema, systematisch und werkzeuggestützt angegangen wird. Auf was kommt es dabei an? Dieser Beitrag rückt SAP-Einführungsprojekte in den Fokus. Von Axel Bartram, Managing Partner und Leiter Center of Excellence SAP bei SQS Software Quality Systems

SAP-Einführungsprojekte bedeuten fast immer Kraftakte: Sie sind komplex und weisen dadurch ein hohes Risiko auf. Da viele und wichtige (IT-)Prozesse abgelöst oder neu integriert werden müssen, sind sie immer Migrationsprojekte in einer heterogenen Systemlandschaft, Datenqualitätsprojekte und Optimierungsprogramme in einem. Software-Testen stellt dabei nicht nur eine Pflichtaufgabe unter vielen und einen Kostenfaktor dar, sondern kann vielmehr dazu beitragen, Risiken zu senken und die Effizienz der SAP-Projekte deutlich zu steigern. Voraussetzung ist, dass die verantwortlichen Projektmanager die heute wichtigsten Problemfelder angehen. Dazu zählen vor allem ein ungenügendes und lückenhaftes Anforderungsmanagement, eher improvisierte Testprozesse, aber zum Beispiel auch Compliance-Verstöße, wenn es etwa um Zugriffsberechtigungen oder den Umgang mit vertraulichen Daten geht – etwa bei der Personalmanagement-Lösung SAP HCM.

Unabhängiger Blick

Solche Versäumnisse lassen sich vermeiden, wenn das Software-Testen ein separates Teilprojekt im Rahmen einer SAP-Einführung erhält. Oft spielen dabei Testspezialisten externer Dienstleister eine wichtige Rolle, da sie neben dem Spezial-Know-how die nötige Unabhängigkeit besitzen, um alle wichtigen Testnotwendigkeiten im Blick zu haben und neutral beurteilen zu können. Besser als interne Mitarbeiter, die immer auch Eigeninteressen innerhalb ihres Unternehmens verfolgen, können Externe etwaige Stolpersteine im Testprojekt frühzeitig erkennen, diese auch gezielt kommunizieren und ausräumen. Diesen Weg beschritt zum Beispiel die BIAC, der IT-Dienstleister der Vienna Insurance Group (VIG), als es 2009 darum ging, bei der Versicherung ein Polizzenmanagement für die Versicherungssparte „Leben“ zu installieren und einzuführen. Mit ihm verwaltet die VIG heute zum Beispiel die Anlage von Neugeschäft, Änderungen oder Auszahlungen. „Wir haben uns entschlossen, das Testmanagement dafür extern zu vergeben, um spezialisiertes Know-how einzukaufen und gleichzeitig unsere Ressourcen zu erhöhen“, sagt Peter Mayr, Leiter Testmanagement bei BIAC. Die Anforderungen an den Dienstleister SQS Software Quality Systems umfassten das gesamte Projekt- und Koordinationsmanagement des Testens sowie die Entwicklung von professionellen Werkzeugen, die beim internationalen Roll-out des SAP-Systems weiterverwendet werden konnten. Unabhängig davon, ob es sich um externes oder internes Testmanagement handelt, müssen die Verantwortlichen immer die wichtigsten potenziellen Stolpersteine des Software-Testens im Blick behalten. Dazu zählt etwa die Ressourcenplanung: So ist zu berücksichtigen, dass Anzahl und Umfang der Testaufgaben im laufenden Projekt zunehmen, je näher die Inbetriebnahme rückt. Die bereitgestellten Mitarbeiter benötigen dabei alle die erforderliche Qualifizierung beziehungsweise Ausbildung, damit sie beispielsweise Testfallermittlung und Testausführung entlang der gesetzten Verfahren ausführen können. Auch für das Testen müssen klar definierte Abnahmen und Eskalationswege gelten. Schließlich sollte das gesamte Testumfeld frühzeitig geklärt werden: Wie sieht das Test-(Daten-)Konzept aus, werden die Testfälle so erstellt, dass die Daten wiederverwendbar sind? Sind die notwendigen Werkzeuge vorhanden und auf die gewählten Testverfahren abgestimmt?

Systematisches und professionelles Software-Testen bedeutet nicht, mehr zu testen. Im Gegenteil: Es ermöglicht den Projektverantwortlichen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, geschäftskritische Funktionen und Systemeigenschaften intensiv und mehrfach zu überprüfen, während Nachrangiges auch nachrangig behandelt wird. Für diese Einteilung stehen mittlerweile Best-Practice-Verfahren wie jene des International Software Testing Board (ISTQB) zur Verfügung. Auswahl- und Bewertungskriterien für die einzelnen Testfälle sind vor allem ihre Komplexität und Kritik. In diesem Sinne fungiert ein verfahrengestütztes Testen auch als Projektmotor. Indem es Prioritäten setzt, erhöht es nicht nur die Effizienz der Qualitätssicherung, sondern auch der eigentlichen Software-Entwicklung – vorausgesetzt, die Qualitätsziele und die Testobjekte liegen in den frühen Projektphasen wie Vorbereitung und Business Blueprint vor.

Eine weitere Voraussetzung für ein effizientes Einführungsprojekt stellen hinreichende Testdatensysteme dar, deren Bedeutung häufig unterschätzt wird. Dabei erweisen sie sich hinsichtlich Testdatenvolumen, Verfügbarkeit, Wiederverwendbarkeit und dem notwendigen Datenschutz als sehr nützlich. Doch ist gerade bei Einführungsprojekten oftmals zu beobachten, dass Testdaten mit großem Aufwand auf Basis von manuellen Eingaben einmal für den Testfall angepasst und dann „weggeworfen“ werden. Bei jedem folgenden Testfall wiederholt sich diese Prozedur.

Testdatenmanagement aufsetzen

Um ein solch aufwändiges Verfahren zu vermeiden, lassen sich Tools für das Testdatenmanagement einsetzen. Sie können helfen, nur die wirklich notwendigen Daten nachhaltig und wieder verwendbar bereitzustellen. Denn auch bei Testdaten liegt die Kunst im Weglassen: Es gilt, nur so viele Daten zu erstellen, wie benötigt werden. Eine 100-prozentige Abdeckung für alle Fälle ist weder notwendig noch erstrebenswert. Vielmehr ist es sinnvoll, auf Basis bewährter Test-Methodiken und des Fachkonzepts die Zahl der Testfälle zu begrenzen und entsprechende Testdaten vorzuhalten. Ob dabei eher migrierte Produktivdaten – dann meist in anonymisierter Form – oder synthetische Daten zum Einsatz kommen, hängt in Einführungsprojekten zunächst von der Verfügbarkeit entsprechender Migrationsroutinen ab, muss aber auch immer in Relation zum gesamten Projektaufwand und den gesetzlichen Vorschriften (Compliance) beurteilt werden. In jedem Fall sollte die Klärung dieser Fragen bereits zu Beginn des Projekts anstehen, wenn das Testkonzept festgelegt wird. 

Werkzeuge und Methoden

Das SQS-Vorgehensmodell zum Test der Einführung von SAP-Programmen kombiniert professionelle QS-Methodik mit SAP-Expertise. Unterstützt wird es von Handbüchern, Metriken, Templates, Beispielen sowie Managed Test Services wie Project Risk Assessment in SAP-Projekten, Rapid Testing for SAP Implementations, Early Error Detection, Performance Testing als Managed Service, Regression Testing in Maintenance oder die Testsuite für SAP HCM. In jeder einzelnen Phase der Einführung können zur Unterstützung geeignete Testmanagement-Tools eingesetzt werden. Sie ermöglichen eine bessere, nachhaltige Projektsteuerung und -überwachung sowie Integrationsmöglichkeiten zu anderen Testtools. Man unterscheidet Werkzeuge für Testausführung, Debugging und Fehleranalyse, Fehlereinpflanzungs- und Fehlerinjektion, Simulation und Emulation, statische und dynamische Analyse, schlüsselwortgetriebene Testautomatisierung, Performanztest und Web-Test. Als Basis-„Werkzeugkiste“ stellt SAP den Solution Manager (SolMan) zur Verfügung sowie die Test Workbench. In diese Test-Landschaft lassen sich auch IBM Rational und HP Quality Center integrieren. Gerade HP QC ist eine weit verbreitete Lösung, mit der viele Unternehmen bereits arbeiten (und auch weiterarbeiten wollen). 

Business Blueprint

Die wichtigste Frage vor Beginn eines jeden Projekts ist immer die Zielbestimmung: Welche Entwicklungs- und Qualitätsziele will das Unternehmen erreichen? Ist über diese Punkte Übereinstimmung erzielt worden, werden in einem Testkonzept-Template Umfang, Teststufen, Standards und Methoden festgehalten. Ein Testplan schlüsselt Aufwand und Abdeckung der vorzunehmenden Tests auf. Im Rahmen der Testorganisation müssen zudem Rollen und Verantwortlichkeiten geklärt sowie die Aufgabenverteilung auf interne und externe Tester beziehungsweise Fachabteilungen und technische Tester festgelegt werden. Zudem gilt es, die passenden Werkzeuge für die Toolplanung zusammenzustellen. Schließlich müssen für jede Projektphase Abnahmepunkte und Qualitygates definiert werden, welche bei Erfüllung der Kriterien die jeweilige Folgephase freigeben. Zu beachten sind bei der Erstellung von Testkonzept-Templates ferner die innerhalb eines Unternehmens individuell vorgegebenen Projekt-Standards und Governance-Konzepte sowie Qualitätshandbücher, DIN-Normen, ISO-Standards oder ITIL-Praktiken. Die „Roadmap“, die Tester vorschlagen, etwa auf Basis von ISTQB-konformen Test-Vorgehensweisen, muss darauf zugeschnitten werden und auch Accelerated SAP (ASAP) einbeziehen. In der Regel wird es zu einer Kombination verschiedener bestehender Standards und Verfahren kommen, ein „start from scratch“ ist in SAP-Projekten eher selten der Fall. Last but not least müssen von Anfang an die gesetzlichen Regularien (Compliance) berücksichtigt werden, die je nach Branche sehr unterschiedlich ausfallen. So hat ein Fertigungsbetrieb andere Test-Anforderungen zu erfüllen als etwa eine Versicherung oder eine Bank.

Nachdem die Projektvorbereitung abgeschlossen ist, wird in der Business Blueprint-Phase ein Testplan im SolMan angelegt (oder alternativ im integrierten HP QC). In dieser Phase gilt es, unter Mitwirkung der Fachabteilungen das gesamte Testkonzept zu finalisieren, Testobjekte abzugrenzen und zu klassifizieren sowie Testfälle und Testdaten zu definieren. Der Testplan legt sodann die Testfälle fest und weist sie den einzelnen Testern zu. Geprüft wird zunächst in Dokumententests, ob die Requirements richtig spezifiziert wurden. 

Realisierung

Während der Realisierungsphase stehen neben Entwicklertests Customizing-, Funktions- und Migrationstests im Mittelpunkt. Letztere gilt es in der Regel immer durchzuführen, da bei SAP-Projekten Prozesse abgelöst beziehungsweise in neue Systeme überführt werden. Zwar wird bei Einführungsprojekten noch häufig manuell getestet, doch lassen sich im Rahmen der Realisierung bereits zeitsparende Tools zur Testautomatisierung wie SAP eCATT und HP QTP einsetzen, die vor allem im späteren Live-Betrieb für Regressionstests unverzichtbar sind. Gleichwohl sollte bereits beim Erstellen der Testfälle darauf geachtet werden, mit wiederverwendbaren Komponenten zu arbeiten, um Testautomatisierung zu ermöglichen. Dies ist gerade im Hinblick auf Change-Prozesse und die Planung von Releases beziehungsweise Updates sehr zu empfehlen (Näheres im E-3 Dezember/Januar). 

Die „heiße Phase“ vor dem Go Live ist vor allem durch System- und Systemintegrationstests geprägt. Dabei muss sowohl das Zusammenspiel der Komponenten untereinander als auch mit Non-SAP-Systemen getestet werden. In diesem Rahmen kommen auch diverse Schnittstellen auf den Prüfstand, etwa zu Frontend-Anwendungen oder zu einer Banking-Umgebung. Neben solchen funktionalen, auf Geschäftsprozesse bezogenen Tests sind in diesen Phasen auch strukturelle Tests zur Sicherheit und Performance durchzuführen. Während die Vorsysteme in der Entwicklungsphase noch keine Auskunft über die spätere Belastbarkeit im Zusammenspiel geben konnten, lassen sich in der produktionsnahen Testumgebung nun alle Komponenten integriert prüfen, was eine hohe Aussagefähigkeit der Testergebnisse gewährleistet. Zum Einsatz kommt hierbei meist das Tool „SAP LoadRunner by HP“. Die Last- und Performance-Tests werden auch nach der Übergabe in Produktionsumgebung und Betrieb weiter ausgeführt und um Stichpunkttests kritischer Bereiche ergänzt. 

Durch das frühzeitige, systematisch-methodische und toolgestützte Testen können Unternehmen bei SAP-Projekten Aufwände reduzieren und späteren, ebenso unliebsamen wie teuren Überraschungen im Live-Betrieb vorbeugen. Für Unternehmen, die nicht permanent entsprechende Testressourcen vorhalten und die Anwender ihrer Fachbereiche nicht übermäßig belasten wollen, bietet sich zudem mit Managed Test Services (MTS), die von externen, spezialisierten Dienstleistern durchgeführt werden, eine Alternative. MTS richten sich vor allem an Firmen, die Standardsoftware hoch integriert einsetzen, immer kürzere Release-Zyklen durchlaufen und dadurch einen hohen Testaufwand bewältigen müssen – nicht zuletzt durch wiederkehrende Regressionstests. Kostenvorteile ergeben sich bei MTS vor allem durch eine weitgehende Testautomatisierung, die dafür sorgt, dass alle Leistungen strikt am Output orientiert abgerechnet werden können. Wie Unternehmen mithilfe von Testautomatisierung ihre Aufwände in Betrieb und Wartung weiter reduzieren können, wird unter anderem Thema des zweiten Teils dieses Artikels sein.

www.sqs.de


 

 

 

 

Datenschutz und hohe Test-Performance

SQS-Testsuite für SAP HCM:

Bereits zum dritten Mal in Folge erhält die SQS-Testsuite für SAP das Datenschutzgütesiegel des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein (ULD). Die Testlösung für SAP HCM (Human Capital Management) ersetzt reale Perso-nendaten der Mitarbeiter durch fiktive Testdaten. Mit ihnen führen Software-Qualitätssicherer ihre Aufgaben unter voller Gewährleistung des Datenschutzes durch. Das Datenschutzgütesiegel des Datenschutzbeauftragten des Landes Schleswig-Holstein bescheinigt, dass die SQS-Testsuite nicht nur mit den Vorschriften des Datenschutzes und der Datensicherheit vereinbar ist, sondern diese auch in besonderer Weise befördert. Dies stellte das ULD in einem förmlichen Verfahren fest. 

Zugleich erfüllte SQS eine weitere Voraussetzung für den Erhalt des Gütesiegels: Die Testsuite und die mit ihr verbundenen Datenverarbeitungsverfahren sind auch für den Einsatz in der öffentlichen Verwaltung geeignet. Schon im Jahr 2003 und erneut 2008 wurde die SQS-Testsuite mit dem Gütesiegel für IT-Produkte des Landes Schleswig-Holstein ausgezeichnet. Das Zertifikat gilt für ganz Deutschland. „In einem nächsten Schritt streben wir das von der Europäischen Kommission geförderte europäische Datenschutzgütesiegel EuroPriSe an“, sagt Jochen Brunnstein, Management-Berater bei SQS. Zum Jahresende soll das Verfahren durchlaufen sein.

Die SQS-Testsuite ist ein Beratungsprodukt zur Qualitätssicherung von HCM-Anwendungssystemen in der Praxis. Es bildet grundlegende personalwirtschaftliche Vorgänge mit Testdaten ab und testet sie automatisiert. Vordefinierte Standardtestfälle garantieren zudem eine schnelle und hohe Testabdeckung. Die Automatisierung zahlreicher Aufgaben senkt den Personal- und Zeitaufwand bei Regressionstests. Gleichzeitig steigt die Qualität und Zuverlässigkeit der Anwendungen durch frühzeitiges Erkennen und Vorbeugen von Software-Fehlern. Eine 100-prozentige Abdeckung der Testergebnisse ist durch einen automatisierten Vergleich möglich.

www.sqs.de

E-3 Mai 2013
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