Auf halbem Weg zur Wolke
Pironet: Wie SAP-Nutzer bereits heute von Cloud Computing profitieren
Wenn die Cloud nicht zu uns kommt, kommen wir zur Cloud. So oder ähnlich dürften viele SAP-Anwender derzeit denken. Denn Business ByDesign, der erste echte Cloud-Computing-Ansatz von SAP, lässt seit Jahren auf sich warten. Zudem ist das System vorerst nur auf kleinere Unternehmen ausgelegt. Immer mehr Mittelständler überbrücken daher die Zeit, indem sie sich gemeinsam mit Outsourcing-Partnern ihr eigenes ERP aus der Wolke schaffen: Cloud-Vorteile wie flexible Rechenleistung inklusive.
Wenn luxemburgische Bauern während der Sommermonate ihre Getreideernte einfahren, brummt es auch beim ortsansässigen Landwirtschaftsverband. „Wir haben dann einen 24-Stunden-Betrieb“, sagt Bernhard Neumayer, der bei De Verband die SAP-Umgebung verantwortet. Die Organisation kauft die Getreideernte zahlreicher ortsansässiger Landwirtschaftsbetriebe auf. Die bis zu elf Getreideannahmestellen, die Anlaufstationen des Verbandes, wiegen die Ernte, beurteilen die Qualität und quittieren anschließend den Landwirten die Anlieferung. Sämtliche Daten fließen im SAP-System zusammen. Seit Mai 2010 hält das System dieser hohen Auslastung auch während der Erntezeit stand und ist permanent verfügbar. Das war nicht immer so: De Verband setzte zuvor auf zwei verschiedene Anbieter für sein outgesourctes SAP-System. Einer managte das Hosting, der andere die Telekommunikationsanbindung. Mit der Folge, dass bei Störungen die Zuständigkeiten unklar waren und die Anbieter den Schwarzen Peter weiterreichten.
Durch die langsame Datenanbindung dauerte zudem das Auslesen wichtiger Controlling-Daten oft Tage. Auch bestand permanent die Gefahr, dass die zahlreichen Außenstellen den Kontakt zum SAP-System verlieren konnten. Ein solcher Komplettausfall sei faktisch zwar nur selten vorgekommen, dann jedoch umso ärgerlicher gewesen, berichtet Neumayer. In der heißen Erntephase gab es keinen Zeitpuffer, der die vorübergehende Auszeit kompensieren konnte. Um dieser Falle zu entgehen, entschloss sich der Verband, den Betrieb des SAP-Systems und die Vernetzung als End-to-End-Lösung in eine Hand zu geben. Dafür gibt es vom IT-Outsourcing-Dienstleister Pironet NDH Datacenter durchgehend garantierte Service-Levels. Mit dieser zentralisierten Lösung kann die genossenschaftliche Organisation etwa von allen 17 Standorten aus auf eine SAP-Umgebung zugreifen. Welche Anlaufstation aktuell welche Getreidemenge eingefahren hat, fragen die Controller bei De Verband damit in Echtzeit ab.
Fast eine Weblösung
Durch die Rechenzentrumsumgebung des Kölner Dienstleisters kam De Verband mit seinem SAP-System zudem in Vorzüge, die sonst nur reinen Cloud-Computing-Diensten vorbehalten sind: Die SAP Hosting-Services sind so konstruiert, dass sich Hardware-Ressourcen flexibel hinzu- und wegschalten lassen. Während der stressigen Sommermonate kann De Verband damit bei Bedarf seine IT-Kapazitäten aufstocken. Der größte Vorteil: Die Luxemburger brauchen die IT-Ressourcen weder selber das ganze Jahr über vorzuhalten, noch müssen sie die maximale Serverlast permanent von ihrem neuen Outsourcing-Partner mieten. Möglich machen den oben erwähnten Überallzugriff und den flexiblen Je-nach-Bedarf-Bezug der IT die beiden unteren Ebenen von Cloud-Computing-Landschaften. Die unterste Infrastrukturebene ist die Hardware-Landschaft. Die für den Betrieb der Software notwendigen Server stehen bei Cloud-Diensten nicht mehr lokal in einem Firmengebäude des Anwenderunternehmens. Sie sind in einem oder mehreren Rechenzentren eines IT-Dienstleisters gelagert. Doch egal, wo die Daten physisch liegen, der Anwender hat immer Zugriff auf dieselben Daten – egal wo er sich gerade aufhält. Alles, was er für den Zugriff benötigt, ist eine Internetverbindung. So können Nutzer beispielsweise auch über eine mobile Datenanbindung von unterwegs aus auf eine Unternehmensanwendung zugreifen.
Ein weiterer Vorteil dieser ersten Cloud-Computing-Ebene ist die wesentlich bessere Skalierbarkeit der Hardware-Ressourcen. Virtualisierungstechnologien ermöglichen den Betrieb mehrerer Systeme auf einem einzigen physischen Server. Zudem erzeugt dieser von einer einzigen Installation einer Anwendung zahlreiche Instanzen, die dann Hunderte oder Tausende von Anwendern nutzen können. Als Folge erübrigen sich viele Investitionen in neue Server. Und für den Betrieb am Arbeitsplatz reichen Thin Clients aus, deren Anschaffung und Wartung wesentlich kostengünstiger ist als die herkömmlicher Desktop-Rechner. Für die Nutzer von Cloud-Computing-Diensten bedeutet dies, dass sie von den Skaleneffekten der Anbieter des Dienstes profitieren. Denn diese können über Virtualisierungstechnologien ihre Server wesentlich besser auslasten und die Kostenvorteile an ihre Kunden weitergeben. Damit sind die Cloud-Computing-Anbieter in der Lage, ihren Kunden Hardware-Ressourcen flexibel hinzu- oder wegzuschalten. An dieser Stelle sprechen Experten von IT-as-a-Service, also dem flexiblen Hardware-Bezug. Serverkapazitäten können Unternehmen damit nahezu so einfach und nach Bedarf beziehen, wie sie es von ihrem Strom aus der Steckdose gewohnt sind.
Die unendlichen Lizenzen
Die oberste Ebene von Softwarelandschaften aus der Wolke ist den Cloud-Liebhabern, die SAP einsetzen, nach wie vor ein Dorn im Auge. Denn hierzu gehört, dass sie Software je nach Bedarf mieten können. Bei diesen sogenannten Software-as-a-Service-Modellen stellen die Anbieter ihre Software auf monatlicher Mietbasis zur Verfügung. Zwar bietet SAP auch sogenannte ASP-Lizenzen für seine Software an. In der Realität kommen diese jedoch nur in den seltensten Fällen zum Einsatz, da sie vielen Anwendern schlichtweg zu teuer sind. Auf den flexiblen Softwarebezug aus der Wolke müssen SAP-Nutzer also nach wie vor warten. Nicht so bei Anbietern wie dem amerikanischen Customer-Relationship-Management (CMR)-Riesen Salesforce. Der verbindet mit seiner Lösung die flexible Nutzung von Hard- als auch Software über das Netz und bietet so waschechte Cloud-Services. Unternehmen verlagern mit diesem Ansatz ihr gesamtes Kundenmanagement ins Internet. Erstkontakt, Auftragsannahme, Abwicklung – sämtliche Prozessschritte halten die Unternehmen in dem System fest, das sich einzig und allein über den Internetbrowser bedienen lässt. Alle Daten liegen in der Wolke. Von welchem Standort die Unternehmen auf das System zugreifen, spielt keine Rolle. Hauptsache, eine Internetanbindung ist vorhanden. Die Nutzer zahlen bei diesen echten Cloud-Computing-Angeboten nur für die Ressourcen, die sie tatsächlich benötigen – also pro User, pro Monat, pro Anwendung. Das Konzept setzt sich zunehmend durch: Mittlerweile ist Salesforce das weltweit am häufigsten genutzte CRM-System. Seit mittlerweile fünf Jahren werken die Walldorfer an einem ERP-System, das ähnlich gestrickt ist. Mit seinem SAP Business ByDesign will der Software-Riese ein System auf den Markt bringen, das Unternehmen on demand, also nutzungsabhängig, beziehen können. Dass dies bei einem ERP-System kein leichter Schritt ist, zeigen die Anstrengungen und zahlreichen Testläufe der letzten Jahre. Mittlerweile ist das System so reif, dass es in ersten kleineren Unternehmen zur Anwendung kommen kann. Ab einer Unternehmensgröße von zehn Mitarbeitern halten es jedoch die meisten Marktbeobachter nach wie vor für nicht einsatzfähig.
Mittelstand im Nachteil?
Dabei bringt ein System wie Business ByDesign genau die Funktionalität mit sich, die insbesondere der Mittelstand dringend bräuchte. Ein Beispiel: Seitdem der Zoll 2008 die Modalitäten für exportierte Güter geändert hat, müssen Unternehmen ihre Ausfuhren vorab elektronisch beim Zoll anmelden. Da die meisten Unternehmen ihre Daten ohnehin im SAP-System vorhalten, ist das Verfahren eigentlich prädestiniert für die Abwicklung innerhalb des ERP-Systems. Folglich haben sich findige Softwareentwickler bereits darangemacht, ein entsprechendes Modul für SAP zu kons-truieren. „In der Realität lohnt sich aber ein solches Modul insbesondere für den kleineren Mittelstand nicht“, weiß Holger Wüsthoff, SAP-Berater bei Gambit Consulting. Als Grund führt er die vergleichsweise hohen Anschaffungskosten und den großen Integrationsaufwand an. Folglich haben große Unternehmen nun die Möglichkeit, ihre Angaben über exportierte Güter direkt aus SAP heraus an den Zoll zu schicken, während kleinere Unternehmen die Angaben nach wie vor per Hand in die Online-Formulare der Behörde eingeben müssen. Bei Business ByDesign sähe die Sache dagegen ganz anders aus: „Das System ist optimal für die Verarbeitung jeglicher Art von Datenquellen, die sich über das Internet beziehen lassen“, so Wüsthoff. Im Falle des Zollverfahrens ließe sich eine vergleichsweise einfache Web-Anbindung konstruieren, auf die das SAP-System zugreifen könnte. Auch andere Funktionalitäten ließen sich so auf einfache Weise und ohne hohen Integrationsaufwand in ein SAP-System einbringen. Wie gesagt, bislang ist ein solches Szenario Zukunftsmusik.
SAP aus der Cloud
Dass Unternehmen jedoch den Einsatz von Cloud-Computing-Diensten zunehmend zu schätzen wissen, zeigt nicht nur das Salesforce-Beispiel. Das Marktforschungsunternehmen IDC prognostiziert bis zum Jahr 2014 für derartige Services einen fünf Mal schneller wachsenden Markt als für traditionelle IT-Produkte. Gleichzeitig soll das 2009 gezählte Marktvolumen von 16 Milliarden US-Dollar bis 2014 auf 55,5 Milliarden US-Dollar ansteigen. Die Gründe für die zunehmende Beliebtheit der Anwendungen machen die Forscher in den bereits angeführten Argumenten wie dem flexiblen Bezug aus. „Über kurz oder lang ist ein Schritt hin zu echtem Cloud Computing auch bei SAP unausweichlich“, schätzt Khaled Chaar, Managing Director Business Strategy bei Pironet NDH Datacenter die Situation ein. Bis dahin müssen sich insbesondere mittelständische Unternehmen wie De Verband mit Alternativlösungen behelfen. Frank Gens, Senior Vice President und Chief Analyst bei IDC, meint: „Cloud Computing wird der Industrie helfen, eine neue Generation von Killer-Applikationen zu entwickeln und kleine und mittlere Unternehmen besser bedienen.“ Mittlerweile ist auch der luxemburgische Landwirtschaftsverband Anhänger von echten Cloud-Angeboten und weiß um deren Vorzüge: Ab Januar 2011 bezieht er auch seine komplette Office-Umgebung aus der Wolke.









