Mai
2006

Zurückliegende Innovation blockiert meine Zukunft

E-3 Magazin Mai 2006, Seite 16, Standart

Hier schreibt eine bekannte Person aus der SAP-Community, die Vieles weiß und Alles sagt, nur nicht den eigenen Namen:

Früher arbeiteten Alle engagiert in Projekten, heute pflichbewußt im Support

Der operative Rechenzentrumsbetrieb muss nach Ansicht von SAP preiswerter werden, damit wieder mehr IT-Budget für Innovation vorhanden ist. Eine gute Idee: Aber warum funktioniert das bei mir nicht?

Nach Abschluss meines Informatik-Studiums verdiente ich mir meinen Lebensunterhalt als AS/400-Operator, so lautete zumindest meine damalige Arbeitsplatzbeschreibung. In Wirklichkeit brauchte IBMs AS/400 keinen Operator. Der schwarze Kasten mit undefinierbarer Hardware und proprietärer Software funktionierte problemlos. Tagelang blieb der Administrator-Bildschirm ausgeschaltet. Die Datensicherung erfolgte jeden Tag vollautomatisch und „reboot“ war in der IBM AS/400-Welt ein unbekannter Begriff.

Auf einem IT-Kongress verirrte ich mich mit ein paar Kollegen in einen Windows NT Vortrag eines ehemaligen DEC-Mitarbeiters, der von der amerikanischen Ostküste quer über den Kontinent nach Seattle abgeworben wurde. Bill Gates wusste, dass die besten Betriebssystemprogrammierer bei Ken Olsen in Boston saßen. Der Vortrag des bemitleidenswerten Ex-Digital-Mitarbeiters wiederholte sich im Fünfminutentakt: Er erklärte ein paar Funktionen und sagte abschließend „reboot“, dann wieder einige Erklärung und „reboot“. Nachdem zehnten „reboot“ verließ ich und meine Kollegen lachend den Saal. Was soll das für ein System sein, das mehr „rebooted“ als arbeitet?

In der Zwischenzeit scheint aus Windows NT ein relativ ordentliches Betriebssystem geworden zu sein. Aber Windows 2003 hat ja auch sehr prominente Wurzeln. Kennen Sie den Namen des berühmten Computers in Stanley Kubricks Film „Odyssee 2001“? Er heißt HAL und wenn man den jeweils folgenden Buchstaben im Alphabet nimmt, kommt man auf IBM. Jetzt probieren Sie einmal dasselbe mit Windows NT in umgekehrter Richtung: Aus WNT wird VMS. Das bis heute unübertroffene DEC-Betriebssystem der legendären VAX heißt VMS. Aber meine Diplomarbeit entstand noch auf einer PDP-10.

Heute bin ich für ein größeres SAP-System mitverantwortlich und fühle mich fast wieder in die „reboot“-Zeit eines Windows NT zurück versetzt. Zugegeben, ganz so schlimm ist es nicht, aber auch nicht so komfortabel wie zu Zeiten der IBM AS/400. Damals arbeitet das gesamte IT-Personal in Projekten. Irgendjemand hatte immer eine Idee, was man noch ausprobieren, programmieren und implementieren könnte. Heute arbeitet mein Team im Support, in der Basis und in der Modul-Pflege. Für neue Projekte bleibt kaum Zeit.

Der ordnungsgemäße Betrieb eines SAP-Rechenzentrums ist mittlerweile extrem aufwendig geworden. Kein anderes ERP-System könnte unsere komplexe Konzernstruktur ähnlich effizient und präzise Abbilden wie R/3, aber auch kein anderes ERP-System braucht soviel Fürsorge, Zuwendung und Support. Weil mein Konzern-CIO und der Vorstand schon vor Jahren einen mySAP.com-Vertrag unterschrieben haben, ist 4.7 um einiges gewachsen: CRM, EP 6.0 und um ein Business Warehouse.

Meine Mannschaft ist mit dem operativen SAP-Betrieb zu fast 100 Prozent ausgelastet, Innovation bleibt hierbei auf der Strecke. Somit höre ich die Botschaft der SAP wohlwollend, alleine mir fehlt der Glaube daran: Gerne würde ich den SAP-Betrieb schlanker, effizienter und preiswerter gestalten und die freien Ressourcen in neue Projekte investieren. Natürlich gehört ein Reboot der Vergangenheit an, aber ein Web Application Server, der SAP Solution Manager, das Enterprise Portal 6.0, das Customer Relationship Management, etc. macht auch nicht viel weniger Arbeit. Es fehlt ein homogenes Gesamtkonzept, wie ich es vor vielen Jahren bei IBM mit der AS/400 kennen gelernt habe.

Wird mit mySAP ERP 2005 alles besser oder soll ich auf ERP 2007 warten? Bringt die Business Process Platform ein Managementkonzept mit sich, sodass der operative SAP-Betrieb nicht mein ganzes IT-Budget verschlingt? Wo bleibt die Effizienzsteigerung durch NetWeaver? Ich weiß es nicht.

In unserem SAP-Rechenzentrum haben sich zu viele Funktionen in einer mittlerweile Multi-tier-Architektur angesammelt. Ausmisten, aufräumen, verschlanken, konsolidieren wäre angesagt, wenn da nicht der Informatik-Spruch wäre: never change a running system! Somit bleiben auch meine Ressourcen dort, wo sie seit Jahren stecken und die Innovation muss wieder ein Jahr warten.

Das nächste Unheil kommt schon auf mich zu. Meine Mannschaft soll Java lernen. Jetzt habe ich jahrelang in ABAP investiert, weil es in Indien aber nur Java-Programmiere gibt, muß ich meine Applikationsentwicklung umstellen. ABAP mit den objektorientierten Zusätzen ist spitze. Java müssen wir von Beginn an lernen oder neues Personal von der Uni aufnehmen. Damit wird nun mein IT-Budget belastet und es bleiben wieder keine Ressourcen für notwendige Innovation.

Quelle:E-3 redaktion

Hier schreibt eine bekannte Person aus der SAP-Community, die vieles weiß und alles sagt, nur nicht den eigenen Namen.

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