Sparen im Softwarezoo
Über Softwareklassifizierung und den bereits bestehenden Standard eCl@ss
Der Hang und Drang zur Einteilung macht auch vor Software keinen Halt. Welches Produkt gehört zu welcher Kategorie? Was in der Biologie schon längst Usus ist, lässt sich auch bei Software nicht verleugnen, denn hier spart man sich mit Klassifizierung vor allem Kosten.
Von Torsten Groll, CTC Computer Training & Consulting
Sie kennen Paul nicht? Paul hat während der Fußballweltmeisterschaft von acht Spielpartien die richtigen Spielausgänge getippt. Paul ist ein Krake und zählt zum Stamm der Weichtiere mit dem Unterstamm der Schalenweichtiere und gehört in die Klasse der Kopffüßer. Damit Paul heute in die richtige Klasse eingeordnet werden kann, mussten schon früh internationale einheitliche Regeln aufgestellt werden. Die Geschichte der Konvention des „Code of Zoological Nomenclature“ (ICZN) reicht dabei bis in das Jahr 1842 zurück, wo ein Expertengremium gebildet wurde, dem z. B. auch Charles Darwin angehörte. Diese international geschaffene Übereinkunft ermöglicht es nun, durch eine eindeutige Klassifizierung exakte Zahlen von entdeckten Lebewesen zu erheben. Um bei Paul und der Klasse der Kopffüßer zu bleiben: In der Gattung der Kraken sind heute ca. 200 und in der Klasse der Kopffüßer ca. 650 Arten bekannt. Nun haben die wenigsten von Ihnen wahrscheinlich mit der Systematik der Tiere zu tun. Auch in anderen Lebensbereichen versuchen wir, gedanklich oder physisch, tagtäglich alles Mögliche in irgendwelche Schubladen zu stecken, um eine Art Grundordnung zu bekommen. Einige versuchen es mit System, ordnen beispielsweise Dinge nach dem Alphabet, andere legen alles an einer Stelle ab, getreu dem Motto: Nur ein Genie beherrscht das Chaos. So vielfältig der Mensch ist, so vielfältig sind auch seine angewendeten Ordnungssysteme. In vielen Bereichen wird deshalb versucht, ein einheitliches System zu platzieren, dessen Struktur einfach anzuwenden ist und verstanden wird.
Das große Grübeln
Um einmal bei der Frage der vorhandenen Ordnung zu bleiben: Könnten Sie sofort eine Aussage treffen, wie viele Softwareprodukte, die Sie aktiv im Einsatz haben, zur Kategorie „Grafiksoftware“ gehören? Lassen Sie mich vermuten, dass nun das große Grübeln anfängt, da eine solche Einteilung der Softwareprodukte bei den Unternehmen und bei den Herstellern bis jetzt keine große Rolle gespielt hat. Software macht heutzutage den größten Kostenanteil beim Betrieb von Systemen aus. Umso wichtiger ist es, mit Blick auf eine mögliche Senkung der Betriebskosten, auch ein aufgeräumtes Softwareportfolio zu besitzen. Dazu werden Hilfsmittel benötigt. Denn was hat es für einen Sinn, viele unterschiedliche Softwareprodukte einer Kategorie im Einsatz zu haben, die ja sehr vielfältige Kosten verursachen (z. B. Wartungsgebühren, Paketierungsaufwände, Supportaufwände etc.), wenn die Geschäftsprozesse eventuell auch mit ein oder zwei Produkten auskommen würden. Ein Softwarezoo im Unternehmen innerhalb einer Kategorie kann immer dann entstehen, wenn es für die Anforderung und Beschaffung von Software im Unternehmen keine einheitlichen Richtlinien und Prozesse gibt. Eine einheitliche Einteilung und Benennung der Softwareprodukte im Softwareportfolio wäre ein erster Schritt zur Optimierung und Kosteneinsparung. So könnten Sie bei einer Softwareanforderung sehr schnell abklären, ob nicht auch ein Alternativprodukt die gestellten Aufgaben ebenso erfüllen kann. Einteilungen kommen nicht aus heiterem Himmel, sondern unterliegen gewissen Regeln und Erfahrungswerten.
Eine Einteilung wird immer in einem Top-down-Verfahren vorgenommen. So steht die Hauptkategorie immer an erster Stelle und zweigt sich nach unten immer weiter auf. Wie weit die Verzweigung in die Tiefe vorgenommen wird, richtet sich nach den Umständen, Gegebenheiten und auch Erfordernissen. In dem dargestellten Beispiel (siehe Grafik) wird die Gattung „Software“ in Systemsoftware und Anwendungssoftware unterteilt. Eine weitere Unterteilung in bestimmte, beispielsweise nach Funktionen aufgeteilte Kategorien wie Textverarbeitung, Datensicherung, Datenbankverwaltung etc. würde diese Zweige weiter verästeln. Das Verfahren sieht einfach aus, birgt aber auch das Risiko, sich zu sehr in der Tiefe zu verlieren. Dann wird es schnell unübersichtlich, zumal jeder die Kategorien anders versteht oder beschreibt. So gibt es beispielsweise für den Begriff „Spracherkennungssoftware“ laut eCl@ss fünf verschiedene festgelegte so genannte Schlagworte (Anwendungssteuerung per Sprache, Sprachsteuerung, Diktatsoftware, Naturalspeaking und Diktiersoftware). Softwareklassifizierung soll beispielsweise folgende Fragen beantworten: Welche Ihrer Softwareanwendungen gehören zu welcher Betriebssystemplattform? Wie viele Softwareanwendungen gehören in die Kategorie „Backupsoftware“? Kann Ihr Einkauf erkennen, ob er eine Serversoftware oder Clientsoftware bestellen soll? Können Sie Ihre Softwareanwendungen in Ihre Unternehmensstrategie einordnen und Ihren Prozessen zuordnen? Sicherlich haben Sie nicht sofort eine Antwort darauf, die eine oder andere Frage müssen Sie bestimmt mit einem klaren Nein beantworten.
Praxis in Unternehmen
Viele Unternehmen nutzen Klassifizierungen bei allen möglichen Produkten, aber nicht für Software, und es werden meistens eigene Klassifizierungen „erfunden“ und mühsam aufeinander abgestimmt, dadurch ist ein standardisierter Austausch mit Lieferanten und Herstellern nur schwer möglich. Das Softwareportfolio wächst mit Hunderten von Anwendungen zu einem unübersichtlichen Berg an, da viele Softwareanwendungen mit gleichem oder ähnlichem Funktionsumfang mehrfach vorhanden sind und durch die fehlende Klassifizierung nicht erkannt werden. Eine Übersicht der Softwareanwendungen für die verschiedenen Plattformen (wie z. B. Windows/Linux/Unix) und Objekttypen (wie z. B. Client, Server, Host, TK, Netzwerk oder Mobilgeräte) ist selten gegeben. Die Konsequenzen so genannter „Pseudo-Standards“ sind unterschiedliche Klassifizierungen, die zu uneinheitlichen Datenstrukturen, Produktgruppen und Beschreibungen führen. Der Austausch von Daten wie Bestellungen und Produktlisten mit Lieferanten wird dadurch fast unmöglich, und ein erhöhtes Prozesshandling und Mehraufwand sind die Folge. Im Einzelnen bedeutet das, dass die Komplexität der zu verarbeitenden Daten stark erhöht wird und keine eindeutige Zuordnung zu ihren Materialgruppen erfolgt, damit einhergehend entsteht ein erhöhter Aufwand für die Erstellung und Pflege der Produktdaten. Aufwendige Systemschnittstellen müssen vorgehalten und betrieben werden, dadurch erhöht sich die Datenaufbereitung sowie -haltung signifikant und für die eigenen abzustimmenden „Pseudo-Standards“ wird ein erheblicher Mehraufwand in den beteiligten Organisationen erzeugt.
Was ist eCl@ss?
Leider hat sich bis heute noch kein einheitlicher internationaler Standard etablieren können, wie der eingangs erwähnte „Code of Zoological Nomenclature“ (ICZN). Im Bereich der Klassifizierung von Produkten gibt es einige konkurrierende Formen, wobei sich der eCl@ss-Standard immer weiter verbreitet und auch international durchsetzt. Um es vorwegzunehmen, eCl@ss ist nicht nur für Softwareklassifizierungen anzuwenden, sondern klassifiziert alles, was produziert oder angewendet wird, und erhebt den Anspruch, ein internationaler Standard zur Klassifizierung und Beschreibung von Produkten und Dienstleistungen zu sein. Er stellt Klassifizierungsmerkmale für Produkte aus allen Branchen und Bereichen zur Verfügung. Für Softwareprodukte ist daraus nur ein kleiner Teil anzuwenden. Vielleicht haben Sie ja eCl@ss schon in anderen Bereichen im Einsatz und wissen es gar nicht. Natürlich muss bei einer Neueinführung auch eCl@ss erst einmal Ihren vorhandenen Produkten zugeordnet und eingepflegt werden, der Aufwand ist aber deutlich geringer, als wenn eine selbstentwickelte Klassifizierung Verwendung finden würde, da der Entwicklungs- und Abstimmungsaufwand von vornherein entfällt. Dabei entscheiden Sie über die Einordnung Ihrer Materialien. Im Zweifelsfall entstehen hierbei auch Fehler, denn nicht immer ist eine sofortige eineindeutige Zuordnung aller Materialien möglich. Hier sind erfahrene Fachleute hinzuzuziehen, die solche Klassifizierungsprojekte schon mehrfach durchgeführt haben. Im Modul MM finden Sie bereits Unterstützung für den Einsatz von eCl@ss. SAP stellt darin Standardtabellen zur Verfügung. Soll eCl@ss implementiert werden, dürfen Texte für die Klassen 40 und für die Merkmale 30 Zeichen nicht übersteigen. Deshalb muss eine entsprechend angepasste Version zum Einsatz kommen. Eine solche SAP gerechte eCl@ss Version kann über eCl@ss oder Pro Plan Consulting bezogen werden. Abschließend wäre noch zu sagen, wenn jeder Hersteller von Software gleich die richtige eCl@ss-Nummer mit auf die Produktverpackung aufdrucken würde, dann hätte dieser Standard das bestmögliche Ziel für eine einheitliche Klassifizierung erreicht. Der eCl@ss-Standard ist aber nur eine Form, wie man Klassifizierung betreiben kann. Für die Steuerung von internen Prozessen können auch weitere Formen der Softwareklassifizierung von Nutzen sein. Eine solche zusätzliche Klassifizierung ist die Einteilung der Softwareprodukte in strategische Klassen. Diese Form werde ich Ihnen im E-3-Oktober näherbringen.
www.ctc-consulting.de
www.1mal1Lima.de
www.eclass.de
www.proplan-consulting.de









